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Plattformen optimieren die Kommunikation

Die digitale Transformation erobert auch die Transportlogistik. Klassische Kommunikationsprozesse zwischen Versendern und Spediteuren haben ausgedient, stattdessen drängen digitale Speditionen, Frachtenbörsen und Kommunikationsplattformen auf den Markt.

Die neuen Konzepte bringen Effizienz und Transparenz in die Branche – einige bergen aber auch Risiken. Während Online-Spediteure durch den Konkurrenzkampf einen Verdrängungs-prozess in Gang setzen, fehlen bei der Preisgestaltung an Frachtenbörsen Objektivität und Fairness. Dem gegenüber stehen Kommunikationsplattformen, die sich im Logistikprozess als neutrale Partner für Industrie und Versender verstehen. Die moderne Kommunikation bietet zwar für Versender und Spediteure viele Vorteile. Doch ist die Branche gewillt, sich auf die neuen Techniken einzulassen? Thomas Selbach, Experte für digitale Prozesse und Geschäftsführer von CONLOXX, weiß, wie die Branche tickt. Er erklärt, ob sich Trends wie Anticipatory Shipping durchsetzen und welchen Mehrwert das Prinzip des Instant Quoting dem Kunden bringt. Sicher ist: Wer bei der Digitalisierung nicht mitzieht, verliert den Anschluss.

Versender und Spediteure: ein Verhältnis, das oftmals von Missverständnissen geprägt ist. Schuld daran sind umständliche Kommunikationsabläufe zwischen den Geschäftspartnern, bei denen digitale Prozesse kaum eine Rolle spielen. Insbesondere KMU greifen für Transportanfragen oder -angebote bevorzugt zum Telefon oder verschicken eine E-Mail. Die Effizienz bleibt dabei allerdings auf der Strecke. Das Problem: Die Informationen werden bei dieser Form der Kontaktaufnahme datentechnisch nicht verarbeitet. Das heißt, für die interne Dokumentation müssen sowohl der Spediteur als auch der Versender die relevanten Daten manuell in eigene Systeme übertragen. „Diese Prozesse sind sehr zeitaufwändig und stehen in keiner Relation zum erwarteten Nutzen“, weiß Thomas Selbach, der die Kommunikations-plattform GET-RATES bereits 2004 ins Leben gerufen hat.

Digitalisierung ist keine „Rocket Science“
Aktuell stehen die Zeichen allerdings auf Veränderung: Die Digitalisierung hat auch die Transportlogistikbranche erfasst. Kaum ein anderes Wort findet derzeit häufiger Verwendung. Und kaum ein anderes Wort löst in der Transportlogistikbranche so viel Unruhe aus. Zu Unrecht, wie Thomas Selbach findet: „Wenn man genau hinsieht, ist Digitalisierung keine ‚Rocket Science‘. Es geht vielmehr darum, das Internet als Schnittstelle zu nutzen, um die Kommunikation zu vereinfachen. Die digitale Transformation muss nicht zwingend mit einem großen Investment verbunden sein.“ Wenn Informationen digital verarbeitet werden, gewinnen sämtliche Prozesse an Transparenz – wovon insbesondere Spediteure profitieren. Denn diese sind jeden Tag mit dem Abarbeiten zahlreicher Transportanfragen beschäftigt – ohne am Ende des Tages ihr Tun konkret belegen und nachvollziehen zu können, da die Angaben aus den E-Mails nicht zentral abrufbar sind. Es sind aber gerade diese Informationen, in denen das größte Wertschöpfungspotenzial liegt. „Anhand dieser Daten sind Analysen möglich, die wiederum weitere Optionen eröffnen“, erklärt Thomas Selbach. Aber auch Versender ziehen aus digitalisierten Prozessen ihre Vorteile: Jeder Spediteur erstellt sein Transportangebot auf seine Art und Weise, weshalb ein direkter Vergleich aller Angebote schwierig ist. Eine Kommunikationsplattform löst dieses Problem, indem sie alle Preise in einer einheitlichen Struktur anzeigt – objektiv und transparent.

Viele wollen ein Stück vom Kuchen
Dass der Transportlogistikmarkt im Hinblick auf digitalisierte Prozesse noch rückständig ist, haben auch zahlreiche Start-ups erkannt. Aus diesem Grund sprießen digitale Speditionen und Transportplattformen zurzeit wie Pilze aus dem Boden. „Mit einem Venture Capital in Höhe von mehreren Millionen Euro kann man einfach mal den Versuch wagen und ins kalte Wasser springen“, so Selbach. Das erzeuge Aufmerksamkeit, zwinge die Spediteure aber auch dazu, ihre Denkweise zu ändern. Auch deshalb, weil einige Start-ups als digitale Speditionen auftreten und so die direkten Konkurrenten von klassischen Speditionen sind. Thomas Selbach wählt mit seiner Kommunikationsplattform für Transporte GET-RATES ganz bewusst einen anderen Weg: „GET-RATES fungiert als Plattform, auf der Versender und Spediteure Transportanfragen und -angebote austauschen und verwalten. Wir handeln nicht als Frachtführer.“ Im Gegensatz zu Frachtenbörsen oder digitalen Speditionen nimmt GET-RATES auch keinen Einfluss auf die Preisgestaltung zwischen Versender und Spediteur. Mit seiner Kommunikationsplattform greift Thomas Selbach zudem einen weiteren wichtigen Trend auf: Transportlogistiklösungen aus der Cloud. „Der Vorteil ist, dass die Web-Applikation von überall erreichbar ist. Außerdem muss nicht in die lokale IT-Struktur des Anwenders eingegriffen werden, was Kosten spart“, erläutert Selbach.

Targeting und Big Data
Eine wichtige Rolle jetzt und vor allem in Zukunft spielen Datensammlung und -analyse. Durch die Möglichkeit, alle Transportanfragen und -angebote digital zu verarbeiten, können detaillierte Analysen vorgenommen werden, die Verantwortlichen als wichtige Entscheidungs-grundlage dienen. Dargestellt wird etwa wie hoch die Abschlussquote auf den verschiedenen Verkehrsträgern ist oder wo sich das abgegebene Angebot im Vergleich zu anderen Anbietern einreiht. In den kommenden Jahren werden die Themen Big Data und Smart Data auch in der Transportlogistik Fahrt aufnehmen. „Es ist zum Beispiel denkbar, dass ein Spediteur mit besonderen Konditionen auf die Relation China von der Plattform dabei unterstützt wird, vermehrt Anfragen mit der Destination China zu erhalten. Erstellt ein Versender eine Transportanfrage nach China, schlägt das System direkt die entsprechende Spedition vor. „Dank Big und Smart Data wird Targeting das klassische Newsletter-Marketing ablösen“, ist sich Selbach sicher.

Instant Quoting – die Zukunft für Transportlogistikdienstleister
Ebenfalls als vielversprechend bewertet Selbach Instant Quoting, auch Real-Time-Quoting genannt. Die Idee dahinter ist, dass der Kunde unmittelbar nach seiner Anfrage alle Preise angezeigt bekommt. Sobald einer oder mehrere Frachtführer ausgewählt wurden, ermittelt die Transport- oder Kommunikationsplattform auf Basis der Datenbank der betreffenden Versanddienstleister die Preise. Zwar bieten einige Dienstleister einen solchen Service bereits an, aber eben nur für ihr eigenes Unternehmen. „Niemand möchte sich erst bei zig Frachtführern einloggen müssen, um bei jedem einzeln die Preise berechnen zu lassen. Eine digitale, objektive Plattform wie GET-RATES kann dank Instant Quoting alle Preise übersichtlich in einem System darstellen“, weiß Selbach. Außerdem werden Transport- und Kommunikationsplattformen ihren Service künftig dahingehend optimieren, dass sie anhand einer noch zielgenaueren Abfrage von Versandparametern eine perfekte Übereinstimmung von Anfrage und Angebot erreichen.

Anticipatory Shipping und Crowd Logistics
Dem Prinzip des Anticipatory Shipping – der vorausschauende Versand – räumt Thomas Selbach im B2B dagegen nur wenige Chancen ein. Durch die intelligente Verknüpfung von Suchmaschinen und Unternehmen ist es möglich, Ware schon vor der eigentlichen Bestellung in ein Verteilzentrum zu transportieren. Genau darin liegt der Haken: Der Dienstleister muss wissen, nach welchen Produkten der Kunde sucht. Diese Information bekommt er durch Suchanfragen im Internet. Im B2B-Bereich funktioniert dieses Modell nicht, da Industrieunternehmen ihre Aufträge über Software-Systeme bearbeiten, die nicht mit Online-Suchmaschinen verbunden sind. Ebenso wenig kann sich Selbach vorstellen, dass Crowd Logistics im B2B-Bereich von Bedeutung sein werden. Ursachen seien vor allem Versicherungsfragen, die bei der Paketzustellung durch Zivilpersonen eine Hürde darstellen. Dass sich Transport- und Kommunikationsplattformen zu Full-Service-Logistikdienstleistern weiterentwickeln, hält er für wenig wahrscheinlich: „Dafür ist das Feld der Logistik viel zu komplex.“ Er rät dazu, dass sich Anbieter stattdessen auf die Kommunikations- sowie Informationsoptimierung spezialisieren, um Streuverluste zu reduzieren. Denn je schneller eine Spedition in der Lage ist, ein Angebot abzugeben, desto höher ist deren Abschlussquote.

Noch ein langer Weg
Nach Einschätzung von Thomas Selbach ist die digitale Transportabwicklung noch nicht richtig in Fahrt gekommen. „In der Branche ist eine gewisse Scheu zu spüren. Diese ‚Das haben wir schon immer so gemacht‘-Einstellung ist nur schwer aus den Köpfen zu bekommen“, sagt Selbach. Und weiter: „Manch einer versteht auch den digitalen Prozess nicht und fremdelt deswegen.“ Viele Entscheider assoziieren mit Digitalisierung Anonymität und Unpersönlichkeit. „Das ist eine Fehlinterpretation. Der persönliche Kontakt bleibt bei Transport- oder Kommunikationsplattformen ja bestehen. Und eine E-Mail ist auch nicht persönlicher“, betont Selbach. Hinzu kommt, dass falsche Prioritäten gesetzt werden. „Wenn Anwender ihre Zeit lieber mit umständlichen E-Mail-Prozessen vergeuden, anstatt sich mit der Software-Lösung zu beschäftigen, handeln sie ineffizient“, stellt der CONLOXX-Gründer klar. Es gibt keinen Zweifel: Wer nicht an der Digitalisierung teilnimmt, wird von der Konkurrenz abgehängt. Deshalb gilt es sowohl für Versender als auch für Spediteure, auf der Welle mitzuschwimmen.

Foto: ©MNBB Studio Shutterstock.com

 

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